Experteninterview über Beziehungstipps während der Ausgangssperre!

Beziehungstipps während der Ausgangssperre

Paartherapeutin Susanne Pointer über neue Begegnung und Verhandlungsspielräume

Frau Pointer, was sind währen der Ausgangssperre typische Streitpunkte bei Paaren?

Wenn jetzt auch die Kinder zu Hause sind, erwarten Frauen oft unbewusst, dass sich die Männer jetzt zum gleichen Anteil an der Kinderbetreuung beteiligen.

Das ist verständlich, kann aber schnell zu Enttäuschungen führen. Viele Männer sind in der Kinderbetreuung über längere Zeit auch heute noch ungeübter. Und sie ziehen sich bei Stress eher zurück. Deswegen braucht es hierzu viel Abstimmung und Austausch. Es ist gut, den Männern ein bisschen Zeit zu geben, um sie sich fragen zu lassen, was sie jetzt selbst brauchen. Nach und nach sollten sie sich natürlich auch immer mehr einbringen in das veränderte Alltagsleben.

Es ist wichtig, klare und konkrete Wünsche zu äußern. Zum Beispiel: „Ich wünsche mir, dass du von 10.30h bis 11.30h mit den Kindern ein Brettspiel spielst. Ich möchte währenddessen laufen gehen oder mich ungestört in die Badewanne legen.“ Und es ist auch wichtig, den anderen konkret zu fragen: „Was kann ich heute tun, damit du entlastet bist?“

Wenn man jetzt immer zu Hause ist, gibt es auch die „Territorien“ neu zu verhandeln. Wer frequentiert wann die Küche? Wer braucht wann besonders dringend das Internet? Wer ist wann im Arbeitszimmer? Wer hat wann und wo seinen Ruheort? Es kann auch hilfreich sein, eine Decke aufzuhängen oder mit Kopfhörern Musik zu hören, um sich sein eigenes Territorium zurückzuholen.

Wie können Paare Ihre Konflikte besser bewältigen?

Ich empfehle, sich alle zwei bis drei Tage für eine Viertelstunde zusammenzusetzen. Jeder darf aus seiner Welt in Ich-Botschaften erzählen, was ihn gerade beschäftigt. Der andere hört nur zu und „spiegelt“, also fasst in anderen Worten zusammen, was derjenige gesagt hat. So können die Partner sicherstellen, dass sie sich wirklich richtig verstanden haben. Dann gilt es, das Gespräch ruhen zu lassen und NICHT zu diskutieren. Das kann man zu einem späteren Zeitpunkt machen.

Ein metaphorisches Beispiel:

Er sagt: „Der „blaue“ Ball ist aber rot.“

Sie sagt: „Ich höre, du siehst einen roten Ball. Ich versuche das zu verstehen, auch wenn ich es anders sehe – für Dich ist er rot. “

Es geht also nicht darum, die Wahrnehmung des anderen in Frage zu stellen. Sondern einfach zuzuhören und das Empfinden des anderen zu hören.

Dann empfehle ich, sich immer wieder am Tag Wertschätzung zu zeigen. Sich langsam in die Augen zu sehen, zusammen zu atmen und sich anzulächeln. Zu fühlen: „Wo bist du gerade? Wo ist deine Seele? Wie geht es dir mit deiner Sehnsucht nach Leben und Nähe?“ Und sich immer wieder zu sagen, was man aneinander schätzt.

Wie können Paare ihre Sexualität während der Ausgangssperre beleben?

Jeder „Pflichtsex“ sollte vermieden werden! Wenn sich ein Partner unter Druck gesetzt fühlt, kann die Verabredung helfen, eine Woche nur Zärtlichkeiten auszutauschen und keinen Sex zu haben. Dann kann sich der andere Partner entspannt annähern.

Wenn es Probleme in der Sexualität gibt, liegt das oft an eigenen Ambivalenzen der Partner. Hier gilt es, sich eigenen Widerstände und Ängste bewusst zu machen. Es kann auch belebend wirken, sexuelle Fantasien auszutauschen, aber ohne Druck, dass der Partner sie erfüllen muss!

Und es ist prinzipiell gut, sich um denn eigenen Körper zu kümmern und die eigene Sexualität zu pflegen. Viele Mütter leiden häufig unter der Prägung, dass sie kein sexuelles Wesen mehr sein dürfen.

Wie können sich Paare gegenseitig bei Ängsten unterstützen?

Die Paare sollten sich gegenseitig fragen, was der andere konkret bei Angst des Partners tun kann. Hier gibt es unterschiedliche Sprachen der Liebe. Dem einen tut eine Umarmung gut, der andere braucht ein Gespräch oder will in Ruhe gelassen werden. Viele Männer fragen sich, warum Frauen wie wild anfangen zu putzen. Das kann zur eigenen Angstbewältigung dienen, aber auch ein Akt der Fürsorge sein. So seltsam es klingen mag – eine halbe Stunde (zugewandt) mitputzen kann ein Akt der Zärtlichkeit sein.

Angstbekundungen können den Partner triggern. Wir müssen uns bewusst werden, dass wenn ein Partner seine Ängste ausspricht, es den anderen triggert. Dabei kann auch aus eigener Angst eine Abwehrreaktion kommen à la „Warum hast du Angst? Es gibt ja keinen Grund!“ Wir sollten nicht erwarten, dass unser Partner unsere Ängste immer auffangen kann. Es ist oft gut, sich auch an gute Freunde zu wenden oder externe Berater. Schließlich sitzen wir mit unserem Partner gerade im selben Boot und wir müssen davon ausgehen, dass er auch mit seinen eigenen Ängsten zu kämpfen hat.

Was ist in diesen Zeiten noch für Paare wichtig?

Ich empfehle, alle großen Entscheidungen nach hinten zu schieben. Wir befinden uns jetzt auf einer Floßfahrt mit vielen Stromschnellen und da ist jetzt nicht sinnvoll, über den Kauf eines neuen Bootes nachzudenken. Es ist auch keine Zeit, um neue Erziehungsprojekte zu starten oder neue Prinzipien einzuführen. Es geht darum, die Zeit jetzt gemeinsam gut durchzustehen. Und darin liegt auch eine große Chance. Wir haben jetzt Zeit, miteinander Spazieren zu gehen und uns neu zu begegnen.

Kann eine Paarberatung hilfreich sein?

Oft höre ich: „Das ist ja wirklich traurig, wenn Paare eine Beratung brauchen.“ Das Gegenteil ist meiner Meinung nach der Fall! Es sind gerade die kreativen und gestalterischen Paare, die bewusst liebevoller miteinander umgehen wollen, die sich beraten lassen. Am besten ist eine Beratung, wenn das Kind noch nicht in den Brunnen gefallen ist. Wir gehen ja auch nicht erst zum Autoservice, wenn das Auto gar nicht mehr fährt!

Blockieren nicht Männer meistens eine Paarberatung?

Das kommt oft vor. Es ist als Frau wichtig, eine liebevolle Einladung auszusprechen und den Mann nicht unter Druck zu setzen. Die Frau kann zum Beispiel sagen: „Ich möchte herausfinden, wie ich noch liebevoller zu dir sein kann und Dich besser erreichen kann!“. Bei der Beratung geht es auch nicht darum, sich mehr anzupassen oder dem anderen den schwarzen Peter zuzuschieben. Es geht darum, wie beide Partner besser aufeinander aufpassen können!

Vielen Dank für das Gespräch!

(Das Interview führte Sophie Appl)

Susanne Pointer ist Psychologin, Psychotherapeutin und Lehrtherapeutin, Leiterin des Wiener Instituts in der Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse sowie Präsidentin der Imago Gesellschaft Österreich.

www.susanne-pointner.at

P.S.: Zu diesem Thema möchte ich euch den positiven und leicht sarkastischen Blick einer allerliebsten Freundin zum Thema Paarbeziehung und Ausgangssperre nicht vorenthalten:

Paarzeit als Chance!

WDR-Podcast: „Paare in der Corona-Krise“.

In-Mind-Blogpost: „Was, wenn die Corona-Krise zum Beziehungsproblem wird“

BR-Artikel: „Auch in Corona-Zeiten: Küssen ist wichtig für die Beziehung!“

WDR-Podcast: „Sex in der Krise. Macht Corona Lust oder Frust?“

Veröffentlicht von Be happy!

Ich mache Kommunikation, die ins Herz trifft! Mein Herzensprojekt ist mein Be happy-Blog, auf dem sich möglichst viele Menschen über ihre Glücksmomente in Coronazeiten austauschen sollen. So helfen wir uns gegenseitig, Ängste zu überwinden!

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