Experteninterview: Was tun bei einem Waschzwang in Corona-Zeiten?

Sehr geehrter Herr Hillebrand, was ist eine Zwangsstörung?

Eine Zwangsstörung können wir gut über die Symptomatik erklären. Es gibt den Waschzwang und den Kontrollzwang als Hauptzwänge. Beim Waschzwang werden die Hände oder die Wohnung bis zu 90 Mal am Tag gereinigt, und das über mehrere Stunden. Beim Kontrollzwang wird alles überdimensional oft kontrolliert, also zum Beispiel in der Wohnung, ob man den Herd ausgeschaltet hat, bevor man die Wohnung verlässt. Dies passiert, obwohl der Betroffene dies nicht möchte und sonst eigentlich sehr willensstark sein kann.

Dann gibt es noch die Symptomatik der Zwangsgedanken, die oft nicht so bekannt und tabuisiert ist. Zwangsgedanken sind ungewollte Gedanken, die die Betroffenen als widerwärtig erleben. Also meistens aggressive oder sexuelle Inhalte, die in krassem Widerspruch zum Wertesystem des Betroffenen stehen und ihm viel Leid verursachen. Diese Menschen stehen oft allein da und trauen sich nicht in Therapie.

Welche Zwänge sind in der Corona-Krise angestiegen? Was beobachten Sie bei Ihren Patienten in den letzten Monaten?

Der Waschzwang bekommt in der Corona-Krise eine besondere Bedeutung. Patienten mit Waschzwang erleben nun, dass ihr Verhalten, das sie immer gezeigt haben, in der Gesellschaft nicht mehr pathologisch ist und sogar staatlich verordnet wurde. Allerdings können Zwangspatienten oft sehr gut zwischen realen Gefahren und ihren eigenen irrationalen Angstauslösern unterscheiden. Eine grundlegende Angst ist, mit etwas in Kontakt zu kommen, dass schmutzig, eklig oder böse ist. Im schlimmsten Fall verlassen Betroffene nicht mehr das Haus, weil sie Angst haben, dass draußen alles kontaminiert ist.

Es gibt aber auch Betroffene, die schon immer Angst vor Viren hatten. Für diese ist es jetzt besonders schlimm und eine Zunahme ihrer Symptomatik ist wahrscheinlich. Sie erleben nun die ganze Welt als Bedrohung.

Wie werden Zwänge therapiert?

Zwänge werden noch vor der medikamentösen Therapie mit kognitiver Verhaltenstherapie und Exposition behandelt. Exposition bedeutet, dass man mit den Betroffenen übt, die Zwangshandlung nicht auszuführen, um zu erfahren, dass die Angst nach kurzer Zeit quasi „von alleine“ nachlässt und ein neuer Umgang mit den Auslösern erprobt werden kann. Dies macht man am besten mit dem Betroffenen gemeinsam an mehreren Tagen hintereinander, bis derjenige allein üben kann. Zusätzlich lernen Betroffene in der Therapie, sich von ihren irrationalen Zwangsgedanken zu distanzieren, die nicht der Realität entsprechen.

Was kann man tun, wenn man merkt, dass man in der Corona-Zeit übermäßig zwanghaft wird?

Ich sehe mitunter Menschen, die mit Maske allein im Auto fahren. Ein zugrundeliegender Gedanke dieser Person könnte sein: „Als ich auf dem Parkplatz in mein Auto gestiegen bin, ging ein Mann an mir vorbei, der sah aus als ob er schwitze. Vielleicht war das ein Zeichen von Fieber und vielleicht hat er Corona. Vielleicht ist beim Einsteigen seine Atemluft in mein Auto gelangt und nun sind auch Viren in meinem Auto. Ich schütze mich besser!“ Dieses Beispiel zeigt die Abkopplung der Übertragungswege von der Realität und die irrationale Verknüpfung der Reaktionsketten, die für Zwangspatienten symptomatisch sind.

Wenn man bemerkt, dass man übermäßig zwanghaft ist, sollte man versuchen, der Stimme der Vernunft wieder mehr Gewicht zu geben und ausuferndes Vermeidungsverhalten zurückzufahren. Wenn dies gar nicht mehr funktioniert, sollte man sich therapeutische Unterstützung holen.

Was kann man als Angehöriger tun, wenn man aufkommende Zwänge beobachtet?

Man sollte das Gespräch suchen und besprechen, ob therapeutische Hilfe indiziert ist. Oft werden Angehörige in den Zwang mithineingezogen, indem sie immer wieder zu dem Zwang befragt werden, bis sie richtig sauer werden. Deswegen ist es wichtig, auch Angehörige mit in die Therapie miteinzubeziehen und konkrete Vereinbarungen zum Zwangsverhalten zu treffen. Dazu gehört auch, was zu tun ist, wenn der Betroffene ungehalten reagiert.

Was ist Ihre Botschaft als Therapeut in Corona-Zeiten?

Meine Botschaft ist „Be calm and carry on!“. Dieses Motto hatte die britische Regierung in den 40er Jahren für den Fall einer deutschen Invasion auf der Insel für die Bevölkerung vorbereitet. Aber natürlich weitermachen unter Einhaltung der Masken- und Abstandspflicht. Man sollte aber nicht in Angst verfallen und die Maßnahmen als reine Vorsichtsmaßnahme sehen, wie den Anschnallgurt im Auto.

Vielen Dank für das Gespräch!

(Das Interview führte Sophie Appl)

Thomas Hillebrand ist Diplom-Psychologe in Münster und Mitglied im Vorstand der Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V. , die professionelle Hilfe für Betroffene anbietet.

Veröffentlicht von Be happy!

Ich mache Kommunikation, die ins Herz trifft! Mein Herzensprojekt ist mein Be happy-Blog, auf dem sich möglichst viele Menschen über ihre Glücksmomente in Coronazeiten austauschen sollen. So helfen wir uns gegenseitig, Ängste zu überwinden!

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