Experteninterview: „Wenn wir zu unseren Gefühlen, Bedürfnissen und Ängsten stehen, vergeht die Angst.“

Liebe Tina, du hast trotz psychischer Erkrankung eine erfolgreiche Werbeagentur in Starnberg aufgebaut? Wie hast du das geschafft?

Ich habe es trotz Bipolar-2-Erkrankung geschafft, in der Selbstständigkeit ein erfülltes Arbeitsleben zu leben. Dafür musste ich an mehreren Schrauben drehen. Ich habe sehr viel Therapie gemacht und habe letztendlich auch akzeptiert, dass Medikamente die Basis meiner Stabilität sind. Sehr wichtig ist auch mein positives Umfeld. Ich bin verheiratet und habe zwei Kinder. Die Kinder haben mir sehr viel Selbstvertrauen gegeben. Ich grenze mich sehr bewusst von negativen Menschen und Situationen ab. Das ist für mich essenziell!

Du hast dich selbst auf deiner gegründeten Online-Plattform „Mutmachleute“ in Bezug auf deine psychische Erkrankung geoutet. Hattest du davor Angst?

Ich würde nicht sagen, dass ich Angst hatte, aber ich hatte viele Sorgen. Wie würden die Eltern der Mitschüler meiner Kinder reagieren? Würde das Outing mich als Geschäftsfrau schädigen? Jemand musste aber auf unserer Plattform den Anfang machen! Also habe ich allen Mut zusammengenommen und Gesicht gezeigt. Die Reaktionen waren sehr positiv. Viele haben gesagt: „Ja, und? Dadurch hat sich nichts geändert! Du bist immer noch der wunderbare Mensch Tina!“ Einige haben gesagt „Ah, deswegen…“, aber ich finde es auch gut, wenn sich die Streu vom Weizen trennt! Das Outing war ein Befreiungsschlag!

Was hat dir in deinem Leben geholfen, Angst zu überwinden?

Meine Therapeutin hat oft zu mir gesagt, dass ich die Angst auch aushalten muss. Das hat mir erst einmal gar nicht gepasst! Ich musste erkennen, welche Gefühle hinter der Angst stecken. Oft waren es Trauer oder Wut. Als ich das spüren konnte, ging es mir besser. Denn dann wurde aus einem diffusen Gefühl ein konkretes Gefühl, mit dem ich umgehen konnte. Es hat mir auch geholfen, den Fokus öfter von mir selbst zu nehmen und mich um andere zu kümmern.

Wieso ist es für uns Menschen wichtig, zu uns selbst zu stehen?

Ich denke, wenn wir zu unseren Gefühlen, Bedürfnissen und Ängsten stehen, wissen wir besser, was uns guttut und was uns nicht guttut. Dann können wir bewusst Neinsagen und uns vor negativen Einflüssen abgrenzen. Dieses Neinsagen ist wirklich eine Lernaufgabe! Wenn wir uns trauen, über unsere Gefühle, Bedürfnisse und Ängste zu sprechen, dann werden wir ernst genommen und die Wahrscheinlichkeit, dass wir Unterstützung bekommen, wird höher! Und natürlich können wir auch selbst besser für uns sorgen und die Dinge in unserem Leben verstärken, die uns guttun.

Hast du spezielle Tipps für Menschen mit psychischen Erkrankungen, um Ängste in der Corona-Krise zu bewältigen?

Tagesstruktur ist bedeutend. Auch wenn es nur kleine Dinge sind, wie jeden Morgen zum Briefkasten zu gehen. Es ist wichtig, seine alten Strukturen beizubehalten oder sich jetzt bewusst neue Strukturen aufzubauen. Ich finde es auch wichtig, Angst machende Gedanken und Bilder zu identifizieren. Leider ist die Sprache in den Medien gerade sehr furchteinflößend. Hier hilft ein bewusster, eingeschränkter Medienkonsum und eine bewusste „Grübel-Viertelstunde“. Man kann sich erlauben, jeden Tag eine Viertelstunde intensiv zu Grübeln, aber dann muss Schluss sein und wieder zu positiven Aktivitäten übergegangen werden!

Wie kann man bei den Mutmachleuten mitmachen?

 „Mutmachleute“ ist eine Plattform, die Menschen mit psychischen Erkrankungen eine Stimme geben. Wir fragen nach den positiven Aspekten, wie sie mit ihrer Erkrankung und Krise umgehen, welche Tipps sie für andere haben. Gerade im Hinblick auf die Ressourcen, die Menschen mit psychischen Erkrankungen für sich entdeckt haben, möchten wir auch anderen neue Perspektiven, wenn man so will Tipps geben.

Man kann erst einmal auf der Seite stöbern und sich inspirieren lassen. Dann kann man sich als Betroffener, Angehöriger oder Experte einen Fragebogen herunterladen und diesen ausgefüllt mit Foto an uns zurücksenden. Wir redigieren so wenig wie möglich, stellen Rückfragen, wenn etwas nicht ganz verständlich ist, schauen aber, dass es für die Lesenden keine schlimmen Trigger gibt. Dies passierte aber bislang nicht: Die Rückmeldung vieler unserer Autor*innen ist, wie toll es ist, sich auf das Positive, Mutmachende und Prospektive und konzentrieren.

Wir achten sehr auf Datenschutz, der sowohl für die Veröffentlichung des Fragebogens als auch für die Veröffentlichung in den sozialen Medien wichtig ist. Für die Veröffentlichungen sind die Einverständniserklärungen maßgeblich und jederzeit widerrufbar.

Wir haben jetzt auch ein Selbsthilfeforum entwickelt, an dem sich unsere Leser nach Registrierung gerne aktiv beteiligen und mit anderen austauschen können. Hier garantieren wir höchsten Datenschutz und Sicherheit der User*innen.

Um auf dem Laufenden zu bleiben, kann man unseren Newsletter abonnieren. Da wir das Projekt rein ehrenamtlich neben unserer Arbeit betreiben, freuen wir uns immer über Spenden! Die Gemeinnützigkeit wurde uns anerkannt.

Vielen Dank für das Gespräch, liebe Tina Meffert!

(Das Interview führte Sophie Appl)

www.mutmachleute.de

Veröffentlicht von Be happy!

Ich mache Kommunikation, die ins Herz trifft! Mein Herzensprojekt ist mein Be happy-Blog, auf dem sich möglichst viele Menschen über ihre Glücksmomente in Coronazeiten austauschen sollen. So helfen wir uns gegenseitig, Ängste zu überwinden!

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