Gastbeitrag: Meditation ohne Selbstmanipulation

Meditation. Eine Haltung. Eine Lebensart, die schon schon seit Jahren zu meinem Alltag gehört. Geboren aus den tiefsten Tiefen meines Lebens, als ich 2016 ein Kind verlor. Plötzlich war ich bei mir angekommen, obwohl im Außen alles auseinanderzubrechen schien. Rückblickend könnte man also sagen, dass die Meditation mich gefunden hat, ohne dass ich jemals nach ihr gesucht hätte.


Wenn ich mich heute nicht mindestens alle zwei Tage zur Innenschau zurückziehe, fehlt etwas – das merke nicht nur ich, das merken auch meine Lieben. Und ja, es ist total hip, überall herumzuerzählen, dass man „jetzt regelmäßig meditiert“. Aber darum geht es mir überhaupt nicht. Modernes Meditieren kann mega stressig sein, dieses Mithalten-Wollen mit den ganzen „Spirituellen“ im eigenen Umfeld ist extrem unentspannt und bringt nur wieder einen neuen Tagesordnungspunkt, der umgesetzt werden muss. Das ist das Gegenteil dessen, worum es bei Meditation geht.

Die Frage lautet also: meditiere ich wirklich, also ohne Absicht, oder will ich damit etwas erreichen?

Meditation geht sehr tief und es gibt die unterschiedlichsten Varianten, bei sich selbst anzukommen. Gerade jetzt, da so viele Menschen durch das Corona bedingte „staying at home“ viel mehr Zeit haben als sonst, schießen die digitalen Angebote wie Pilze aus dem Boden: Meditation in der Gruppe über Skype, Meditation zur Behebung von Ängsten, geführte Meditation zum Einschlafen, Meditation für ein starkes Immunsystem und vieles mehr. All diese Angebote sind sicher nicht verkehrt und können den Menschen helfen, runterzukommen vom Stress und anzukommen im Moment. Dazu bedarf es natürlich einiger Übung, denn nicht umsonst sitzen buddhistische Mönche jahrelang in der Gegend herum und üben dieses Stillwerden.

Meditation ist ein Weg, der auch eigene Schatten beleuchtet

Meditation ist – wie ich bereits angedeutet habe – eine Lebenshaltung, die nicht von Jetzt auf Gleich das gesamte Leben umkrempelt und mich glücklich macht. Meditation ist ein Weg, der die wundervollsten Empfindungen hervorholen und mir meine dunkelsten Schatten zeigen kann. Das mag für den ein oder anderen jetzt enttäuschend sein, gehört jedoch zur Wahrheit dazu. Traumreisen oder das Sich-Wegdenken-aus-der-Realität sind keine Meditation im ursprünglichen Sinne, haben aber selbstverständlich auch ihre Berechtigung.

Meditation funktioniert nicht auf Knopfdruck

Meine persönliche Erfahrung ist diese: wenn ich meditiere, um jetzt (!) etwas zu erreichen, funktioniert es nicht. Mich darin zu verbeißen, dass diese oder jene Art der Meditation nun ad hoc meinen Zustand verbessern soll, verschließe ich selbst die Tür, die zur inneren Ruhe führt. Ich versuche dann, mittels Meditation mich selbst zu manipulieren. Keine gute Idee.
Viel einfacher, weil weniger stressig, ist es, mich hinzusetzen und mir Zeit zu geben, da zu sein. Ohne große Leitung durch diese paar Minuten, ohne Stimme von außen, ohne einen Anspruch an mich selbst und die Übung. Ich sitze, zünde mir vielleicht eine Kerze an, ich atme.

Mein Tipp an alle Meditationswilligen lautet: gehe den Weg in dein Inneres immer über deinen Körper und dessen Empfindungen.


Wie fließt mein Atem?
Kann ich mein Herz spüren? Wenn ja, wie schnell oder langsam schlägt es?
Wie fühlt sich mein Rücken an, wie mein Bauch?
Was kann ich erkennen, wenn ich in meine Brust hineinfühle?
Wie laut ist mein Geist und wovon erzählen meine Gedanken?

Atemzug für Atemzug versuche ich also, wie ich da so entspannt und trotzdem konzentriert in meiner hübschen Meditationsecke sitze, meinen Körper und meine Gedanken wahrzunehmen. Kommt ein Schmerz auf, fühle ich ihn. Ich begrüße ihn und lasse ihm die Freiheit, bei mir zu verweilen, oder sich wieder zu verabschieden. Kein Anspruch. Und ich spreche hier nicht nur von körperlichem Schmerz, sondern möchte auch den seelischen Schmerz betonen, der gerne dann aus seinem Versteck hervorkriecht, wenn ich im Außen nichts mehr mache.
Und ja, Corona und seine Folgen machen auch mit mir viel: ich habe Angst um meine Gesundheit, ich habe Angst um die Gesundheit meines Kindes, ich habe Angst vor den finanziellen Folgen, ich habe Angst vor dem vielen Alleinsein. Diese Ängste gehören – jetzt in diesem Moment – genauso zu mir, wie mein rechtes Bein oder mein linkes Handgelenk. Alles da, alles gehört zu mir.

Bei der Meditation begrüße ich meine Angst

Also begrüße ich auch die Angst. Ich prüfe nach, wo sie in meinem Körper sitzt, ich gebe ihr eine Farbe und eine Form. Ich sage der Angst, dass ich froh bin, dass sie sich zeigt. Ich nehme sie an, denn sie ist ein Teil meiner selbst. Möglich, dass dann ein paar Tränen fließen. Auch diese sind willkommen. „Alles, was keine Miete zahlt, muss raus!“ – heißt es nicht so? Also raus mit den Tränen, ich lasse sie fließen. An dieser Stelle muss ich ein bisschen spoilern: die Tränen vergehen bald wieder, die Angst wird leiser, ich werde ruhiger in mir. Das ist meine Erfahrung.

Meine Gedanken laufen natürlich weiter, völlig klar. Unser aller Verstand ist ein gut trainierter Kerl, ein Meister darin, die Kontrolle zu behalten. Wundervoll, ihm dabei zuzusehen. Kommen Gedanken während der Meditation auf, nehme ich sie wahr und lasse sie dann wieder ziehen. Ich habe keine Macht über meine Gedanken. Oder kann ich jetzt gerade wissen, was ich in fünf Minuten denken werde? Nein. Gedanken kommen und gehen, sie sind wie Wolken, die meine Sonne mal verdunkeln und dann wieder erstrahlen lassen. Ich darf also mich, mein Wesen, unabhängig von meiner weltlichen Identität betrachten.

Meditation enthüllt Gedankenmuster

Dabei kann ich unheimlich viel von der Beschaffenheit meiner Gedanken lernen: drehen sie sich darum, mich zu verurteilen? Geht es meist darum, was ich noch zu tun habe? Plappern meine Gedanken davon, was andere Menschen tun oder nicht tun sollten? Sind meine Gedanken eher negativ und malen düstere Zukunftsbilder? Dies zu erkennen, kann mir wunderbare Impulse dafür geben, was ich in meinem Leben anschauen darf. Wo erschaffen meine Gedanken Schmerz oder Stress? In welche Richtung tendieren sie? Welche alten Muster aus der Kindheit könnten sich hinter diesen Gedanken verbergen? Doch Fragen wie diese gehören nicht in die Meditation, sie sind eine Möglichkeit zur Selbstreflexion für die Zeit danach.

Eine schriftliche Form der Meditation: „The Work of Byron Katie“

Am liebsten arbeite ich mit meinen Gedanken, indem ich sie mit „The Work of Byron Katie“ genauer betrachte. Als Coach für eben diese schriftliche Form der Meditation darf ich täglich Neues über mich lernen und meine Klienten auf ihrem individuellen Weg begleiten. Dafür bin ich wahnsinnig dankbar. Zu entdecken, was unser Geist mit unseren Gefühlen macht, ist heilsam und freiheitsstiftend. Weil ich den ganzen Quark in meinem Oberstübchen eigentlich gar nicht so ernst nehmen müsste. Doch um dahin überhaupt zu kommen – um überhaupt zu bemerken, dass ich dieses oder jenes denke – brauche ich die regelmäßige Meditationspraxis. Mit mir allein, in Stille. So bietet das Zuhause bleiben in Zeiten von Corona einen wunderbaren Spielplatz, ein Übungsfeld, das mich mir selbst näherbringt. Was für eine Chance!

Eure Julia Garthen
www.theworkmitjulia.de

Warum Meditation und Achtsamkeit mehr mit Demut zu tun hat als mit Selbstoptimierung erfahrt ihr im Sinneswandel-Podcast: „Mindfulness in Zeiten des Hyperkapitalismus“

Veröffentlicht von Be happy!

Ich mache Kommunikation, die ins Herz trifft! Mein Herzensprojekt ist mein Be happy-Blog, auf dem sich möglichst viele Menschen über ihre Glücksmomente in Coronazeiten austauschen sollen. So helfen wir uns gegenseitig, Ängste zu überwinden!

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